(Quelle: Reutlinger General-Anzeiger - Donnerstag, 19. August 2004)

Wandern mit Profis

Das Getöse der Stadtautobahn bleibt zurück. Zwischen liebevoll gepflegten Kleingärten, an deren Zäunen die Brombeeren reifen, und prallvollen Äpfel- und Zwetschgenbäumen zieht sich der Weg aufwärts. Ein Tor aus bemoosten Betonpfeilern: Plötzlich sind wir mitten in der Natur. Blumenwiesen duften wie ein Gewürzladen, Vögel singen, ein Bussard äugt nach Beute, im Röhricht bläst sich ein Frosch auf, eine Ringelnatter döst in der Sonne.

Die Natur hat die Schlacht gewonnen

VON HOLGER DAHLHELM

REUTLINGEN. Unberührte Landschaft? Vor gut zehn Jahren noch zogen Panzerketten ihre Spuren durch die Trockenwiesen, wühlten die mannshohen Räder von Militärlastwagen tiefe Furchen, robbten milchbärtige Rekruten im schlammigen Scheuerlesbach und holten sich Schrammen in den Schlehen. Gewonnen hat die Schlacht die Natur: Die Wende im Osten hat die Kriegsspiele beendet, die Reutlinger Kasernen sind geräumt, die Stadt hat den Truppenübungsplatz hinterm Listhof zum Naturschutzgebiet erklärt. Er gehört nun auch den Menschen, die Erholung suchen und bereit sind, Tier- und Pflanzenwelt zu respektieren und zu schonen, wenn sie hier wandern.
Wandern mit Profis: Der Albverein Betzingen hat diese Familientour ausgesucht. Denn dass es einen Katzensprung vor der Großstadt so viel Schönheit gibt, ist vielen nicht bewusst. Die Strecke ist abwechslungsreich und gut zu gehen, für Kinderwagen aber ungeeignet; allenfalls für Geländemodelle mit drei großen Rädern und doppeltem Vorspann ­ Papa zieht, Mama schiebt.

Verstecktes Mahnmal
Auch heute bleibt das Auto in der Garage. Drei Stadtbuslinien bedienen die Haltestelle Breitenbach in Betzingen. Von hier aus gehen wir durch Reutlingens zuverlässigste Lastwagen-Fang-Vorrichtung, die 3,60 Meter hohe Eisenbahnbrücke, in die Ohmenhäuser Straße, halten uns am Bahndamm links und überqueren die Julius-Kemmler-Straße. Am Ufer des Breitenbaches zieht ein Geh- und Radweg talaufwärts und unter quert die Stadtautobahn. Er ist als Wanderweg zur Breitenbachquelle mit der blauen Gabel gekennzeichnet (»Dreiblock« sagen die vom Albverein), teilt sich aber nach 700 Metern an einer gut beschilderten Kreuzung. Von nun an begleitet uns der blaue Rhombus bis hinauf zum Hofgut Alteburg.
Rechts über die Brücke, am anderen Ufer des Breitenbaches gleich wieder links: Von der verrosteten Schranke, den Resten des Doppeltores und des Stacheldrahtes, die an ein Straflager erinnern, muss sich niemand abschrecken lassen. Sie stammen aus Vorkriegszeiten und dürfen als unauffälliges Mahnmal ruhig stehen bleiben. Vor den französischen Besatzungssoldaten übten hier deutsche Landser die Eroberung der Welt; wie die Sache ausging, weiß man ja. Schießstände und Ziele sind weggeräumt, vor Blindgängern muss sich niemand mehr fürchten. Dennoch sollten Wanderer auf dem Weg bleiben: Naturschutz.
Aber Gucken ist erlaubt, schließlich stehen wir mitten im Guckental, in dem der SAV Betzingen die Patenschaft für Feuchtbiotope übernommen hat und sie gut pflegt, so dass zum Beispiel die Population der Ringelnattern deutlich zugenommen hat. So kräftig, dass die jungen Schlangen auswandern und neue, eigene Reviere erobern müssen. Die grau-grünlichen Nattern sind ganz ungefährlich und eindeutig erkennbar an den beiden leuchtend gelben Flecken hinterm Kopf. Die einzigen Giftschlangen hierzulande, die Kreuzottern, sind braun bis schwarz und haben ein Zickzackband.
Nicht wir, die Nattern müssen auf der Hut sein. Im Geäst der alten Obstbäume, die vereinzelt den Weg begleiten, und auf langen Ansitz-Stangen lauern ihre ärgsten Feinde, die Raubvögel. Meist müssen die scharfäugigen Jäger freilich mit mageren Mäusen vorlieb nehmen.
Die Abzweigung über den Scheuerlesbach zum Naturschutz-Infozentrum Listhof ist dank der nagelneuen Beschilderung gar nicht zu verfehlen. Wir aber halten uns dann rechts, folgen dem blauen Rhombus und erreichen über einen Wiesenpfad (nicht zum Feldhüterhäusle abbiegen!) den Holzlagerplatz an der Straße nach Ohmenhausen. Dicke Eichenstämme warten hier schon auf die nächste Versteigerung. Stimmt die Qualität, kann so ein Trumm ein paar tausend Euro einbringen.
Im Wald, da sind die Räuber ­ oder waren sie wenigstens mal. Das Hannickelhäusle auf der anderen Seite der Landstraße, erinnert an den Bösewicht, der hier sein Unwesen getrieben haben soll. Immer an Dreikönig eröffnet die Ohmenhäuser Hannickelzunft an der Feuerstelle ihre Fastnacht. Jetzt hat der Wanderer den Rastplatz für sich und kann seine Roten braten, bis sie schwarz werden. Wer lieber gut einkehren will, legt einen Zahn zu und folgt dem Rainhau-Forststräßle bergauf. Obacht: Nach 700 Metern schwenkt der Wanderpfad an einer Quellfassung urplötzlich nach links in den Wald ab. Spätestens hier brauchen Kinderwagen All-Eltern-Antrieb.

Alles Gute von der Kuh
Der Schlauch dauert nicht lang. Auf der Höhe gelangen wir am Wasserreservoir Schaufelhart vorbei auf den Radwanderweg, sehen vor uns den Alteburger Hof mit Gaststätte und Weinlaube. Für die Kinder gibt's immer was zu gucken. Bei gutem Wetter dürfen die ganz kleinen Kälbchen draußen sein. Alles Gute von der biologisch-dynamisch verwöhnten Kuh bietet der Hofladen.
Hinter dem Gasthof erklimmt der Wanderweg den Gipfel der Alteburg. Mit ihren 593 Metern ist sie im Vergleich zu Rossberg (869), Achalm (707) und Georgenberg (602) zwar der kleinste Reutlinger Bergkegel, ist auch weder Zeugenberg noch Vulkanstumpf wie das Göggele, aber trotzdem für Geologen bemerkenswert. Denn das Käpfle ist ein Trümmerhaufen, entstanden bei einem Erdrutsch, als der Albtrauf vor einigen hunderttausend Jahren noch so weit nach Norden reichte.

Burg weg ­ Tafel auch
Den Herren von Stöffeln gefiel es hier, sie bauten eine Burg. 200 Jahre später zogen sie gegenüber auf einen Ausläufer der Albhochfläche, errichteten eine riesige Festung, hatten aber die falsche Bausparkasse gewählt und gingen pleite. (Historiker werden die Geschichte anders erzählen.)
Viel ist nicht übrig von der Alteburg, nur der Wallgraben im Süden. Im 19. Jahrhundert feierte sie eine kurze Wiederauferstehung: Romantiker errichteten eine Ruine auf dem Gipfel. Die ist weg, leider ebenso die Info-Tafel zur Geschichte des Berges. Der neue Turm aus mächtigen Stämmen steht immerhin noch. Er erlaubt den Blick über die Baumkronen im Westen bis zum Schwarzwald, im Osten auf die blaue Mauer der Alb ­ und davor den künstlichen Hügel aus Abbruchsteinen und Erdaushub, die Deponie Saurer Spitz.
Müde Füße? Von nun an geht's nur noch bergab. Erst einmal zum Wasserhochbehälter Alteburg, der unterirdisch viele Millionen Liter frisch vom Bodensee speichert, und am Waldsaum nach rechts, bis der Albvereins-Hauptwanderweg 1 (roter Balken) nach links ins Gehölz abschwenkt. Einen halben Kilometer weiter, an einer großen Wegspinne, gibt es zwei Möglichkeiten: auf schmalem Pfad am Fürstbach entlang nach Ohmenhausen (beschildert HW 1, Abkürzungsmöglichkeit zum Bus in Ohmenhausen) oder auf dem Forstweg gleich rechts davon bequem über den Hohen Rain. Haselnussweg und Hasenbergstraße (links halten!) bringen uns durch die Siedlung zur Unteren Steigstraße.

Dicke Brummer
Auf der anderen Seite folgen wir den Schildern zum Modellfluggelände. In den Ferien fast täglich (14 bis 20 Uhr, sonntags nur vormittags) erproben hier Modellbauer ihre Motor- und Segelflieger und ferngesteuerten Hubschrauber, üben sich im Kunstflug, lassen sich gern bewundern und von kleinen und großen Kindern Löcher in den Bauch fragen. Jenseits des Wäldchens stoßen wir auf den Weg zum Hundesportplatz, können von der Gasthofterrasse aus vielleicht dem Trainingsbetrieb zuschauen oder nun am linken Ufer des Breitenbaches, vorbei an der Staudengärtnerei Schöllkopf, weiterwandern zum gastlichen Clubhaus des TSV Betzingen. (GEA)

Albverein Betzingen: 700 Mitglieder, Wandern und Naturschutz, mehrtägige Touren, Skizunft, Trachten- und Volkstanzgruppe auch für Kinder, Fotoamateure, Frauentreff, Lichtstube, Seniorenveranstaltungen, Albvereinsstube im Museum (Im Dorf 16).

Führung mit Lagerfeuerle unter der Burg
Betzingen - Naturschutzgebiet Listhof - Alteburg - Ohmenhausen

Geführte Familienwanderung:
Sonntag, 31. Oktober, Treffpunkt 11 Uhr am TSV-Clubhaus Betzingen (Bushaltestelle Jettenburger Straße), mit Grillmöglichkeit an der Alteburg (Rucksackvesper), Erklärungen zu Naturschutz und Landschaftspflege. Anmeldung nicht erforderlich. 0 71 21/56 82 58

Alles eingepackt?

An- und Rückreise
Die RSV-Buslinien 6, 7 und 10 fahren die Haltestellen Betzingen Breitenbach und Jettenburger Straße in kurzen Taktzeiten an. Gelegentlich kommen sogar Regionalbusse vor (RAB 7605 und 7611).

Weg
Gesamtlänge knapp 14 Kilometer gute Wald- und Wiesenwege, für Kinder ab acht Jahren ebenso geeignet wie für Senioren, Aufstieg insgesamt 250 Höhenmeter. Kurze steile Abschnitte vor der Alteburg und hinunter ins Fürstbachtal. An drei Stellen auf richtige Abzweigung achten. Abkürzungen möglich (Bushaltestellen Listhof und Ohmenhausen).

Einkehr
Gutsgaststätte Alteburg: 11 bis 14 Uhr und ab 17 Uhr, sonntags durchgehend, montags Ruhetag.
Hundesportplatz Betzingen: mittwochs, donnerstags und freitags ab 17 Uhr, samstags ab 14 Uhr, sonntags ab 10 Uhr; Betriebsferien noch bis 24. August 2004.
TSV-Clubhaus Betzingen: 11 bis 24 Uhr, montags Ruhetag; Betriebsferien 31. Oktober bis 8. November 2004.

Ausrüstung
Rucksackvesper (Grillstellen am Hannickelhäusle und am Waldrand beim Wasserbehälter Alteburg). Karte mit markierten Wanderwegen ist immer nützlich, zum Beispiel Blatt L7520 Reutlingen 1:50 000. Fernglas für Vogelbeobachtung im Naturschutzgebiet Listhof, Handbuch für die Bestimmung von Tieren und Pflanzen am Wege. (hd)


© Albverein Betzingen 19.08.2004