Schlittenfahrt mit historischem Schlittengaul am 01.02.2003
| Berichte: | Betzinger Blättle (er) | ![]() |
| SWR 4 Tübingen (Wolfgang Brenner),(Betzinger Blättle (er)) | ||
| Reutlinger General-Anzeiger (stö) | ||
| © Albverein Betzingen |
(Betzinger Blättle vom 07.02.2003)
Stelldichein der Betzinger Schlittengäule
Ein paar Schlittengäule sind im Betzinger Museum "Im Dorf" abgestellt. Manche haben ihren Stall in der Luther- oder Villastraße. Diese seltsamen Tiere - einem Schaukelpferd aus Holz gar auf den Leib geschneidert - verhalten sich das ganze Jahr über relativ ruhig. Wenn aber der Schnee gegen 20 cm das Erdreich bedeckt, was in unseren Breitengraden höchst selten eintrifft, dann sind die Betzinger Schlittengäule nicht mehr zu halten. So geschehen am ver
gangenen Samstagnachmittag. Rund ein Dutzend dieser seltsamen Pferde machten sich gegen 14.00 Uhr in Richtung Hanglage Wackersbrunnen auf den Weg und wurden von Jung und Alt höchst wohlwollend empfangen. Endlich konnte Ludwig Beck, selbst "Pferdehalter", seinen stattlichen Gaul am Halfter nehmen und Schritt für Schritt in der Runde vorführen. Ihm taten es andere bereitwillig nach, ohne jetzt gleich einen Schönheitswettbewerb auszurufen. Die Schlittengäule, zwar schön bemalt und zum Teil über 100 Jahre auf dem Buckel, verdanken ihr Dasein dem inzwischen ausgestorbenen Beruf des Wagners, der einst auch in Betzingen mit seiner handwerklichen Geschicklichkeit Buben und Mädchen zur Winterszeit ein willkommenes Werkzeug gab. Jüngere Schlittengäule kommen gerade mal auf gut 30 Jahre. Aber dann war's auch in Betzingen zu Ende mit den Holzpferdchen auf Schlittenkufen, die ein ganz erhabenes Fahrgefühl auf Schnee und Eis in Gang setzen. Allzu lange hielt die Schneepracht am Wackersbrunner Hang auch nicht. Dem Ausnahmewintertag vom Samstag folgte Schmuddelwetter. Folglich trabte die Pferdeschar zurück zu Haus und Hof und wartet auf neue Schneewunder... Seitenanfang
(Betzinger Blättle vom 07.02.2003)
Mit Betzinger Schlittengäulen in SWR 4 Tübingen auf Sendung
Es hat sich herumgesprochen, dass am letzten Samstagnachmittag der Auftrieb der Betzinger Schlittengäule im Gebiet Wackersbrunnen stattfindet. Prompt war Reporter Wolfgang Brenner um14.00 Uhr zur Stelle und hörte sich mit dem Mikrofon um, was es mit den Betzinger Schlittengäulen auf sich hat.
Kurz nach 12.30 Uhr kam am Montag 03.02.2003 die Auflösung der Reportage im Hörfunk von SWR 4 Tübingen. In der Anmoderation hieß es: "Bisher kannte ich drei Möglichkeiten schlittenmäßig einen Hang herunterzukommen: erstens mit dem klassischen Davos-Schlitten aus Holz, zweitens mit einem Plastik-Bob und drittens mit einer normalen Einkaufstüte aus Plastik unter dem Allerwertesten. Was ich nicht wusste - es gibt auf jeden Fall eine vierte Möglichkeit, nämlich mit Schlittengäulen, die am Wochenende in Reutlingen-Betzingen aus dem Speicher geholt wurden. Was sich dahinter verbirgt, erfahren Sie jetzt."
"Aus der Bahn, aus der Bahn", so eine Frauenstimme und ein Zischlaut eines vorbeisausenden Gefährts sind zum Auftakt aus dem Radio zu hören. "Pferde auf den Pisten, wo gibt es denn so was?" fragt der Reporter und schiebt die Antwort gleich nach. "Ja, in Betzingen gibt es das." Dort war am Samstag großes Schlittengaultreffen.Aber keine Angst, ein Schlittengaul hat Kufen statt Hufe und ist eigentlich nur ein Schaukelpferd in Schlittenform.
Ludwig Beck, der zweite Vorsitzende des örtlichen Albvereins weiß zu ergänzen: "Er hat vier Füße, zwei Kufen und ein Brettle drauf, so dass immer zwei Kinder draufsitzen können. Und vorne ist so ein Pferdekopf aus Holz gesägt ond a bissle a Lederriemen, damit man sich festhalten kann und unten eine Querstange. Auf der steht immer die Jahreszahl."
Wolfgang Brenner: "Vor zwei Jahren kam Ludwig Beck vom Betzinger Albverein die Idee, mal wieder die historischen Schlittengäule auf die Pisten zu lassen. Denn altehrwürdig sind die bunten Schlittengefährte auf jeden Fall.
"I hann do an Schimmel", so Ludwig Beck, "mit einer blauen Decke drauf - so ist er bemalt. Es gibt mehrere, die braun bemalt sind als Fuchsa."
"Aus dem Jahr 1895 war das älteste Exemplar, das am Samstag zum Einsatz kam. Antike Stücke also", so Brenner, "und deshalb auch meist nur noch als Zierrat benutzt."
"Do stoht 'r en dr Baurastuba drenna, da stoht 's Telefon drauf oder do stoht a Blumakrippe drauf oder woiß dr Herr was", sagt Ludwig Beck. "Manche haltet dees als Heiligtum".
"Im vergangenen Jahr hat Ludwig Beck schon einmal probiert, die Betzinger mit ihren Schlittengäulen aus dem heimischen Stall zu locken. Aber da machte das Wetter nicht mit. Am Samstag aber kamen tatsächlich 13 von ihnen zu einer kleinen Hengstparade im Betzinger Gebiet Wackersbrunnen zusammen. So manche davon haben schon lange keinen Schnee mehr gesehen", resümiert Wolfgang Brenner.
"Vor 20 Jahren ben e 's letztmol g'fahra. Do ben e dann gega da Baum, no send dia Denger weg ond d'Ohra send noch a bissle ramponiert. No hot Dante gsagt: Jetzt kriagscht an nemme", hört man die Stimme einer Betzingerin.
"So ein Schlittengaul hat seine Vorteile, wie der Fahrtest beweist. Man sitzt zwar viel höher als bei einem gewöhnlichen Schlitten - Note 1 also für die Beinfreiheit und Komfort. Aber wehe man kommt in ruppiges Gelände, denn da bockt die Nobelkarosse", weiß auch der Reporter zu analysieren.
"Das war früher das Handicap von dene Gäul, dass man sich schnell überschlagen hat", bemerkt Werner Gesell.
Nach ihrem Kindheitsunfall vor 20 Jahren weiß Sabine Schirm jetzt aber, dass man bei einem Schlittengaul die Zügel locker lassen muss.
"Man muss halt henda auf da Arsch sitza ond die meiste sitzet da vorne na, no kippt der - ma muass do henda draufsitza ond do Füß drauf do ond no lauft der wia Schwein, wenn er et grad verroschdet ischt onna" - so ganz spontan der Schirmsche Erfahrungsbericht übers Radio.
"Kein Wunder also, dass dies bei allen Altersstufen gut ankam - bei den Großen, weil sie sich die Beine nicht krumm machen mussten und bei den Kleinen, weil das Schlittengaul Fahren ja wie zwei Sachen in einem ist: Schlittenfahren und Schaukelpferd-Reiten". Seitenanfang
(Reutlinger General-Anzeiger vom 03.02.2003)
Auf Schlittengäul den Betzinger Buckel runter
Großes Spektakel im Schnee mit historischem Schlitten bei schönstem Winterwetter
Mit leuchtenden Augen und roten Winterbacken rutschte am Samstag vom Urenkel bis zum Großvater alles, was Beine hatte, auf echten >Schlittengäul< den Betzinger Schlittenbuckel runter: Eine Tradition wurde nach langer Durststrecke - es fehlte bisher der Schnee - wiederbelebt.
>Wann, wenn nicht jetzt<, hatte sich Ludwig Beck, stellvertretender Vorsitzender des Betzinger Albvereins gedacht, als Donnerstag die ersten dicken Flocken fielen - wohlwissend, welche Schätze in Scheuer und auf Speichern der Betzinger schlummern. Kurzerhand machte er alle mobil, die noch stolze Besitzer der historischen Schlitten sind, um gemeinsam und ganz wie früher den Schnee zu genießen.
Einen ganzen Vormittag brauchte Ludwig Beck, um alle >Schlittengäul<
aus dem Umkreis zusammenzutrommeln. >Mindestens dreizehn sind zusammengekommen<, strahlte Beck, nachdem er die hübsch lackierten Schneepferdchen zum ersten Mal gezählt hatte. Und es wurden immer mehr. Im Museum "Im Dorf" stehen einige und viele Familien hüten die kleinen hölzernen Kostbarkeiten wie ihren Augapfel. Manchmal, so Ludwig Beck, dienten die Pferdchen als dekorativer Platz fürs Telefon oder auch für Blumen, zierten aber auch als kleine Schmuckstücke Hauseingang oder Wohnräume.
>Wir haben doch auch solche Schlittengäul<, habe er bei einer Vernissage im vom Albverein betreuten Museum "Im Dorf" immer wieder auch von auswärtigen Gästen gehört, berichtet Beck. So sei die Idee entstanden, sich bei entsprechender Schneelage mit all den historischen Schlitten zu treffen und genau das zu tun, wozu sie ursprünglich gedacht waren: Den Buckel runter zu rutschen.
>Man sieht, dass die meisten noch beim Wägner Sauer gemacht worden sind<, erklärt die Betzingerin Hildegard Jobst. Sie kann sich noch sehr gut an die Zeiten erinnern, in denen sich die Kinder nichts sehnlicher wünschten, als den Winter auf dem Rücken ihres Kufenpferdes zu erleben. Bis 1973 seien sie noch gebaut worden, erzählt sie. Der Vater von Thomas Keck, Vorsitzender des Albvereins, habe damals noch drei solcher >Schlittengäul< in Auftrag gegeben. Die meisten haben einige Jährchen mehr auf ihrem Holzbuckel, weiß sie: Sie seien in der Zeit von 1890 bis 1910 entstanden. Dass sie auch heutzutage noch echte Zug-Pferde für winterliche Vergnügungen sind, war am Samstag allen anzusehen: Groß und Klein hatten sichtlich Spaß daran, auf den historischen Gäulen im Schnee zu toben. Seitenanfang