Glocken an "Heiligabend" mehr...

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Presseberichte


Die schöne Tradition des Glockens, die früher auch in anderen Reutlinger Vororten gepflegt wurde, hat unter anderem in Betzingen überlebt. Bei den Betzingern fängt der Heiligabend in aller Frühe mit einer ganz besonderen Klangkulisse an. Der Betzinger Brauch des Glockens geht laut überlieferter Aufzeichnungen bis auf das Jahr 1850 zurück.

Kulturgeschichtlich wird der Glockentag als Mischung aus heidnischem und christlichem Brauch erklärt. In vorchristlicher Zeit war er Auftakt zu den zwölf heiligen Nächten. Aber auch die Wintersonnenwende und die alemannische Tradition des Vertreibens böser und Beschwörens guter Geister dürfte eine Rolle spielen. Die Buben und Mädchen glockten , wie´s schon der Vater und Urgroßvater getan hatten. Mit Schellen und Glocken verschiedenster Größe und Tonart zogen sie putzmunter durch die Betzinger Straßen und schufen dabei eine Geräuschkulisse, die in den Dorfchroniken freundlich als "feierliche Disharmonie" charakterisiert ist.

Wie jedes Jahr wird in Betzingen das Weihnachtsfest auf eine besondere Weise eingeläutet. Traditionell treffen sich Kinder und Jugendliche um 4.00 Uhr am Morgen des Heiligabend bei der Mauritiuskirche (Bushaltestelle). In Gruppen, mit Glocken und Schellen zieht man durch die Straßen Betzingens um den Menschen ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen. Viele Betzinger/innen warten bereits jedes Jahr auf die Glocker um ihnen ein schönes Fest zu wünschen und sie mit Süßigkeiten und Geldspenden zu beschenken.

Bei Tagesanbruch
treffen sich die Gruppen wieder in der warmen Albvereinsstube, um sich bei heißem Tee und Brezeln die gefüllten Säcke mit allerlei Köstlichkeiten zu verteilen. Es ist jedes Jahr eine Freude mitanzusehen, wie die Augen der meist jüngeren Glocker leuchten, wenn sie Schokolade, Mandarinen, Nüsse und vieles mehr bekommen. Die Geldspenden werden jedes Jahr für einen guten Zweck gespendet.

An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen Betzinger/innen, die helfen, diesen schönen Weihnachtsbrauch fortzuführen. Zum einen sind das die Menschen, die uns immer freundlich empfangen und großzügig spenden. Zum anderen die Kinder und Jugendliche die jedes Jahr den Brauch des Glockens weiterführen.

1. Gruppe
Mauritiuskirche, Im Dorf, Mußmehlstr., Im Wasen, In der Au, Buckengartenweg, Julianenweg, Jakob-Keck-Str., Ohmenhäuser Str., Belfortstr., Bonlandenstr., Ernst-Geiger-Str., Am Bollrain, Kanonenweg, Fröbelstr., Im Holder, Im Ghai, Julius-Kemmler-Str., Malteserstr., Breitenbachstr., Stresemannstr., Rainlenstr., Eisenbahnstr., Johannesstr., Steinachstr., Im Wasen, Albvereinsstube.

2. Gruppe
Mauritiuskirche, Im Gäßle, Auwiesenstr., Quellenstr., Lutherstr., Zeppelinstr., Melanchthonstr., Weidenstr., Braikestr., Griesingerstr., Buchenstr., Rosenstr., Röntgenstr., Heppstr., Daimlerstr., Villastr., Schanzstr., Vogelsangstr., Matthias-Claudius-Str., Mössingerstr., Schickhardtstr., Wilhelm-Busch-Weg, Schwellerhaldestr., Jurastr., Fensterstr., Johann-Georg-Schlotterbeck-Gasse, Leyrenbachstr., Alfred-Kraft-Gasse, Albvereinsstube.

3. Gruppe
Mauritiuskirche, Mühlstr., Wannweiler Str., Webergasse, Unterer Stichweg, Bruckäckerweg, Schickhardtstr., Ina-Seidel-Str., Lessingstr., Klopstockstr. Stauffenbergstr., Goerdelerstr., Hoffmannstr., Im Brühl, Werkmeisterstr., Leyrenbachstr., Wilhelm-Laage-Weg, Albvereinsstube.

Die Wegstrecke der Glocker:


© Albverein Betzingen 08.01.2012


In Betzingen hat das "Glocken" Tradition
(Text und Bild Hermann Pfeiffer)

Der Brauch, frühmorgens an Heiligabend zu "glocken", geht wohl auf alemannischen Ursprung zurück. In vorchristlicher Zeit stand der Glockentag am Beginn der zwölf heiligen Nächte. In Betzingen, das 1907 als Ort mit über 3.000 Einwohnern seine Selbstständigkeit aufgab und mit der angrenzenden Stadt Reutlingen (Baden-Württemberg) einen Eingemeindungsvertrag schloss, hielt sich das Brauchtum zunächst bis über den Ersten Weltkrieg hinaus. Nach der Herkunft der Sitte, so der Betzinger Kulturwissenschaftler Michael Schödel, hat sich jedoch keiner gekümmert. Auch in einigen umgebenden Gemeinden wie Ohmenhausen oder Kusterdingen auf den Härten hielt man an der Tradition fest. Das "Glocken" wurde hauptsächlich von den Buben im Schulalter ausgeführt. Mädchen waren nicht dabei. Jeder Betzinger Schüler, der eine Glocke sein Eigen nannte oder sich im Verwandtenkreis eine besorgen konnte, setzte alles daran, um morgens um vier Uhr rechtzeitig mit von der Partie zu sein.

Mit Kuhschellen am Lederriemen fing alles an
Zum Glocken wurden unterschiedlich große Kuhschellen genutzt, die den Kühen beim Weidebetrieb umhingen. Die jugendlichen "Glocker" trugen den breiten Lederriemen, oft mit Messingschnallen verziert, wie eine Schärpe über die Schulter und konnten dadurch mit den Händen ihrem "Instrument" die unterschiedlichsten Lautstärken und Modulationen entlocken. Sobald im Dorf die ersten Glockentöne vernehmbar waren, summierte sich das Geläut aus allen Ecken, Gassen und Straßen zu einem vieltönigen Auftritt.
Das Glocken-Konzert inmitten noch dunkler Straßen und Plätze wurde bei großen Glocken mit dumpfen, bei kleinen an das Geläut der Müllergäule erinnernden Schellen in variierenden Lautstärken vernehmbar.

Natürlich gab es auch "Erwartungen"
An bekannten Häusern im Ort, wo sich die Kinder Gaben erhofften, wurde besonders hartnäckig und laut "geglockt", bis sich ein Fenster oder eine Haustür auftat und leckere Springerle oder ein Lebkuchen ihren Besitzer wechselten.
Eine immer willkommene Anlaufstelle war der Braun-Beck im Dorf. Schon recht früh trafen die Frauen mit ihren Kuchen- und Springerlesblechen ein. Dort im Hof, wo der Bäcker sein holz pyramidenartig aufgeschichtet hatte und wo aus der offenen Backstube in der Frühe ein so aromatischer, warmer Kuchen- und Gewürzduft herausströmte, hielten sich die Jungen gerne auf, hofften sie doch, von dem frisch Gebackenen eine Kostprobe abzubekommen.
Die zumeist grimmige Kälte des Heiligabend ließ Nase und Ohren röten, aber springend und schellend durch die Straßen zu ziehen, das machte warm. Das Glocken war ein Vergnügen und niemand im Ort empfand dieses Brauchtum als morgendliche Ruhestörung. Es wurde den Überlieferungen nach als eine wunderschöne, vorweihnachtliche Musik empfunden. Sobald der Tag heraufkam, nahm das Vergnügen ein Ende.

An der Mauritiuskirche ist der Ausgangspunkt
Das Glocken ist inzwischen fest in Händen der Ortsgruppe Betzingen des Schwäbischen Albvereins. Buben und Mädchen, Jugendliche und selbst einige Erwachsene lassen es sich seit Jahren nicht nehmen, mit ihrem Glocken Jung und Alt den auf fast 11.000 Einwohner angewachsenen Reutlinger Stadtteil auf das Weihnachtsfest einzustimmen.
An der 500 Jahre alten Mauritiuskirche versammeln sich die auf zwei Gruppen aufgeteilten Glocker. Diszipliniert werden nahezu alle Betzinger Straßen - harmonisch und weniger harmonisch - "beglockt". Ist die Tour nach rund drei Stunden Gehzeit beendet, dann treffen sich die Idealisten in der Albvereinsstube innerhalb des Museums "Im Dorf". Die Einnahmen - heute überwiegen gegenüber früher Geld - kommen einer karikativen Einrichtung zugute.


© Albverein Betzingen 08.01.2012